Twitter Spammer als PR Kampagne?

Jan 6th, 2009 | By Janine | Category: Gesellschaft, PR, Twitter, medien

Birds on powerlineDer Microblogging Dienst Twitter wird zur Zeit, so lesen wir es in den Medien, von Spammern heimgesucht. Twitter, laut Angaben des Unternehmens von Weltweit drei Millionen Menschen genutzt, ist in Deutschland noch weitgehend unbekannt. Die Userzahl dürfte sich hier im vierstelligen Bereich befinden. Beliebt ist der Dienst, bei dem es darum geht, in 140 Zeichen zu schreiben, was man gerade tut, hier zu Lande vor allem bei Bloggern, Medienvertretern und (seit neustem) auch bei Politikern aller Parteien. So zählen Top Blogger wie Robert Basic, und Jonny Häusler, aber auch klassische Medien wie Heise online, der Spiegel und sogar die Lübecker Nachrichten zu den Nutzern. Die Volksparteien CDU, SPD, die Grünen und die FDP, sie alle nutzen, auch mit Blick auf den erfolgreichen US Wahlkampf von Barack Obama , Twitter zur Verkündung ihrer Botschaften. Eine Zielgruppe, die durch herkömmliche Pressearbeit selten zu erreichen ist.

Eine gute und erfolgreiche PR-Kampagne richtet sich schlicht und einfach nach zwei Dingen: der Zielgruppe, die es zu erreichen gilt, und der glaubwürdigen Positionierung des Produktes. Wie könnte man ein Produkt, deren heutige Nutzergruppe vornehmlich aus Meinungsbildern im Internet besteht, und das sich weder durch technische Brillianz noch durch Zuverlässigkeit auszeichnet durch eine gesteuerte Kampagne sinnvoll in die Öffentlichkeit bringen? Technische Schwierigkeiten - die Twitter Nutzer kennen dieses Bild gut

Eine klassische Kommunikationskampagene, auch wenn sie noch so gut und teuer wäre, halte ich für den falschen Weg. Twitter ist kein Kommerz, Twitter zeichnet sich wie beschrieben nicht durch die technische Brillianz des Produktes aus, es gibt heute Dienste wie identi.ca, die wesentlich zuverlässiger sind, aber Twitter hat etwas, was stärker ist als Zuverlässigkeit: Twitter bietet, worauf Kampagnen herkömmlicherweise jahrelang hinarbeiten: Glaubwürdigkeit. Die Nutzer lieben den Dienst eben nicht, wegen der 100prozentigen Verfügbarkeit (die nicht gegeben ist) sondern gerade wegen der Macken: down Zeiten, plötzlich verschwundenen Follower, eine sich ständig von Geisterhand verändernden Zahl der Direct Messages.

Twitter bietet Glaubwürdigkeit durch Identifikation: liebenswert, individuell, und immer ein bisschen kaputt. Nie perfekt. Passend zu der Zielgruppe, passend zu dem Inhalt auf die Frage: What are you doing? Wer tut schon ständig perfektes? Wer zeigt in 140 Zeichen Zuverlässigkeit?

Die Spammer gefährden in keinster Weise die Glaubwürdigkeit von Twitter. Der Dienst hat nie mit Datenschutz, Sicherheit und Kontrolle geworben. Im Gegenteil. Jeder der Twitter nutzt, gibt damit wissentlich und willentlich seine Privatsphäre in 140 Zeichen auf. Er sagt für jeden sichtbar, was er gerade tut oder denkt. Wer mitmachen möchte, muss sich nicht ausweisen, jeder kann sich (noch) als Bill Clinton, Borat registrieren. Nutzernamen sind frei wählbar, überprüft wird nicht. Die Tweets werden bei Google als normale Suchergebnisse gezeigt, sind also so auch problemlos für nicht Nutzer sichtbar.

Die Spammer, über die aktuell in den Medien berichtet wird, treffen den Microblogging-Dienst also nicht in seinen Werten. Spammer, die andere Online-Serviceanbieter extrem schädigen können, werden die Nutzer nicht vertreiben. Ein falscher Britney Spears Post, ein gefälschter Obama Aufruf zu einer Umfrage, all das amüsiert die Twittergemeinschaft eher, als das es sie wirklich dazu bringt ihr Profil zu löschen. Das die Medien dieses Thema aufgreifen, schadet also der heutigen Zielgruppe nicht.

Allerdings bringt das Massentaugliche Problem “Spam” den Nischendienst Twitter in die Berichterstattung. Selbst Bild Online widmete sich heute diesem Thema. Ein Dienst mit gerade mal vierstelliger Nutzerzahl, kommt so in den Genuss weiträumiger redaktioneller Berichterstattung und damit steigender Bekanntheit.

Dazu wurden, den Spammern sei Dank, nicht irgendwelche Accounts gehackt, sondern die der bekanntesten Pop Sängerin der Welt – Britney Spears – und der des zukünftigen US-Präsidenten – Barack Obama. Diese Prominenten werden nun der Öffentlichkeit als Twitter Nutzer vorgestellt und damit zum Testimonial für den Dienst. Unbezahlt. Spears und Obama sind jetzt das, was George Clooney für Nespresso ist, mit dem Unterschied, das dieser dafür mit einigen Euros bezahlt wurde, was der Öffentlichkeit weitgehend bekannt sein dürfte. Die Twitterer Obama und Spears bekommen keinen Cent dafür, hier als Nutzer des Services genannt zu werden. Damit haben sie einen erhöhten Glaubwürdigkeitsbonus. Der klassische Unterschied zwischen Marketing und PR. Hätte Twitter die beiden Prominenten dafür bezahlt, als Aushängeschild zu werben, wäre diese Glaubwürdigkeit dahin gewesen. Eine kommerzielle Kampagne passt nicht zu dem Microbloggingservice, der sich auch durch seine Pannen und den eigens dafür designten Wal auszeichnet. Diese Spam Attacke und die darauf folgende Berichterstattung ist also ein Segen für die Bekanntheit von Twitter.

Es gibt Online Dienste, die sind sicherer als Twitter, die sind technisch weiter, perfekter, professioneller. Twitter ist das nicht. Twitter ist das, was man selber sein möchte. Twitter ist kaputt, authentisch, liebenswert:
Cem Basman hatte im August genug von Twitter. Mit seinem letzten Tweet hat er sich für immer von den kaputten Microblogging Dienst verabschiedet. Nur noch identi.ca wolle er in Zukunft nutzen. So schrieb er seinen Followern. Nur ein paar Wochen war er wieder da. Weg von dem perfekten, hin zum beliebten. Wenn Adenauer noch twittern könnte würde er darauf folgendes antworten? @CemB, was hindert uns daran klüger zu werden?

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