Die DB, ein Leichenfund und das Mutter/Kind Abteil
Nov 22nd, 2008 | By Janine | Category: Reise„Guten Morgen, aufgrund eines Leichenfundes verzögert sich unsere Ankunft in Hannover um zirka 20 Minuten“ so die Ansage des Zugbegleiters heute morgen. Ich sitze im Zug. Von Bielefeld nach Berlin Ostbahnhof. In 2:44 Uhr planmäßig zu erreichen. Wären da nicht Leichen, die sich außerplanmäßig auffinden ließen, Schafherden, die sich todesmutig in Tunneln verstecken, Wagenstandsänderungen, Gleiswartungen, Umbauarbeiten am Gleis etc. wären. Die Liste ist lang. Besondere Erwähnung gilt den Personenschäden. Von denen ich vermute, es sind Fahrgäste, die mit ihren Nerven am Ende sind und keinen anderen Ausweg mehr wissen.
In einem dieser Züge der beliebten Deutschen Bahn sitze ich nun also. Und komme aufgrund eines Leichenfundes wieder nicht rechtzeitig zu meinem Termin. Ich sitze im Mutter/Kind Abteil. Unrechtmäßig, denn ich habe keine Kinder und bin daher folgerichtig auch keine Mutter. Diese Abteile sind ein echter Geheimtipp. Hier sitzt man weitest gehend ungestört, es gibt einen Tisch und Strom und für den Fall dass man sich Körperlich ertüchtigen möchte auch noch eine Art Klettergerüst. Und, was am wichtigsten ist, wenn man mit einem von der Öffentlichkeit genutzten Verkehrsmittel reist, es gibt eine Tür zum schließen. Eine Trenntür zum Volk sozusagen.
Mit dem Volk der Bahnreisenden ist es ein wenig so wie mit Katzen. Je mehr man sich von ihnen distanzieren möchte, um so mehr suchen sie nach Nähe. Sitze ich in einem normalen Großraumabteil dauert es nur wenige Minuten bis sich jemand neben mich setzt. Egal ob der Zug voll ist, oder leer, oder halbleer. Egal ob vor mir ganze Reihen frei sind oder nicht. Der Platz neben mir scheint ein von Bahnreisenden aller Klassen bevorzugter zu sein. So saß ich neben Rentnern und Rentnerinnen, Auswanderern und Einwanderern, blonden Männern und dunkelhaarigen Bartträgern, Physikerinnen und Landwirten, Autoren und Sängern (letzteres leider viel zu selten), Hausfrauen, Arbeitslosen, Direktoren und Managern. Im Grunde sind solche Zugfahrten eine Art Bildungsreise durch unterschiedliche Berufsgruppen, soziale Schichten und Migrationshintergründe.
Eins haben alle Schichten gemeinsam. Sie geben jede Menge Informationen an mich weiter. Ungefragt. Und leider auch unbremsbar. So weiß ich jetzt wer bestimmt Physikalische Gesetze entdeckt hat (der Mann saß neben mir) wer kurz vor dem Durchbruch in der Musikindustrie steht (der Mann saß auch neben mir), wie man Hartz 4 Anträge ausfüllt und möglichst wenig nachfragen vom zuständigen Personaldienstler bekommt (die Frau saß neben mir), dass mit Gin gurgeln vor einem Vorstellungsgespräch die sichere Absage zur Folge hat (gleiche Frau, saß neben mir), ein 400 Euro Job super die Schwarzarbeit von eigentlich 1.500 Euro verdeckt (die gleiche Frau saß lange neben mir) und richtig Arbeiten sich ja heute eh nicht mehr lohnt (die gleiche Frau saß zu lange neben mir). Die Informationen werden aber nicht nur verbal ungefragt an mich weiter gegeben. Auch meine Geruchssinne werden angesprochen. Ich kenne alle Parfüms, die sich in Drogeriemärkten unter der 10 Euro Grenze erwerben lassen. Ich habe gelernt wie es riecht, wenn man sich gefühlte drei Wochen nicht wäscht. Ich roch den Geruch von vorher gegessenem Döner.
Bis ich die Mutter/Kind Abteile für mich entdeckte. Hier sitze ich alleine. Die Tür ist zu, die Fenster sind relativ blickdicht. Mütter mit Kindern habe ich hier noch nie entdeckt. Genauso wenig wie Rentner, angehende Popstars und Hartz 4 Empfängerinnen. Ruhe. Zum Arbeiten und zum lauschen der nächsten Ansage des Bordpersonals. Nach dem außerplanmäßigen Leichenfundes gibt es jetzt, knapp drei Minuten folgende Information: “Meine Damen und Herren, Wir können Ihnen eine freudige Mitteilung machen. Der Anschlusszug nach Leipzig wird in Hannover noch erreicht.“
Die Leiche wird das wohl nicht mehr freuen. Aber gut.