Twitter und die Liebe (zu sich selbst)
Aug 25th, 2008 | By Janine | Category: Freiheit, TwitterWorum geht es eigentlich bei Twitter wirklich? Die FAZ beschäftigt sich seit einiger Zeit nahezu jeden Tag mit dem zur Zeit so angesagten Mircoblogging Tool. Twitter. Was ist das für ein Dienst, der ständig kaputt ist und bei dem es um nichts anderes geht als in 140 Zeichen zu sagen was man gerade tut: Ist Twitter damit die neue Form vom sms? Oder ist Twitter Bloggen 3.0? Richtet sich der US Dienst nur an Selbstdarsteller? Ist das das Ende der Privatsphäre im Netz?
Ist Twitter nur für Selbstdarsteller? Oder geht es eigentlich um Selbstbestätigung?
Vor fast genau drei Monaten hat mich ein Freund mit einem einfachen Trick zum Twittern gebracht: Wenn du es schaffst an einem Wochenende 20 Follower zu bekommen, dann gebe ich dir eine Flasche Champagner aus, so sagte Oliver Wagner. Und ich habe es geschafft. Meine Motivation war eine ganz einfache: Ehrgeiz.
Nun hat Ehrgeiz immer etwas mit Selbstdarstellung zu tun:
Denn seitdem teile ich meinen inzwischen über 150 Followern alle möglichen Dinge (inzwischen über 700 updates) über mein Leben mit. Meine Follower wissen, wann ich aufstehe, im Meeting bin, was ich mir zu essen koche, dass ich den Bikini in meinen Koffer packe, sie sind im Bilde über die Zusammenarbeit mit der Agentur (der Agenturbesitzer twittert auch) und ein bisschen wissen sie jetzt auch über mich und die Liebe. Denn hin und wieder kann man zwischen den Zeilen lesen, was in mir gerade vorgeht, ob ich für zwei koche oder alleine Fernseh gucke, gerade lache oder einsam bin. Dinge die ich über mein Leben preisgeben möchte, teile ich völlig Fremden mit, freue mich über Feedback in Form von Replies. Nehme Ratschläge an, von Leuten deren richtigen Namen ich teilweise nicht kenne. Mein reales Leben übersteht den Medienbruch ins virtuelle – und zurück.
Was ich twittere wird auch von einem Teil meiner privaten Freunde gelesen. Sie kennen mich, wissen mehr als jedes Internet Pseudonym über mein Leben. Und daher können zwischen den Zeilen lesen, verknüpfen die virtuelle Twitter Welt mit meiner realen. Schreibe ich zum Beispiel nachts, dass ich Herrn H. vermisse, wissen sie genau für wen das H. steht. Sie kennen die wahren Hintergründe. Wenn ich twittere, dass ich nach Köln fahre, ruft meine Cousine an und fragt ob wir uns sehen. Eigentlich eine Reinform von “integrierten Kommunikationsmaßnahmen”.
Aber wer interessiert sich eigentlich für das Leben der anderen? Bei Twitter, so meine These, geht es um mehr als eigene Selbstdarstelltung. Es geht um die Bestätigung des eigenen Lebens. Der Bestätigung des Interesses. Sekundäres Ziel ist es möglichst viele Follower zu finden, die sich für das, was man schreibt, interessieren. Denn genau dieses Interesse führt zu der Bestätigung des eigenen Lebens. Es zeigt, dass was ich erlebe und am Tag mache, mitteile ist für viele Menschen spannend und aufregend und damit adaptiere ich diese Attribute automatisch auf mich. Twitter ist mehr als Selbstdarstellung Selbstbestätigung. Die Selbstdarstellung kolidiert mit der Bestätigung von außen.
Dabei geht es tertiär auch hier nicht nur um die reine Bestätigung, sondern auch um die Bestätigung des eigenen Selbst durch das andere Geschlecht. Das passende Foto, die richtigen Tweets zur richtigen Zeit und es ist leicht zu erkennen, dass neben der Liebe zu sich selbst auch die Liebe um anderen Geschlecht (oder auch zum gleichen Geschlecht, jeder wie er es mag) den Medienbruch zur virtuellen Twitterwelt geschafft hat. So habe ich, wahrscheinlich auf Grund meines Geschlechtes, dass sich bei Twitter noch in der Unterzahl befindet, und auf Grund meines Fotos, schon mehr Follower als manche männlichen Freunde von mir. Die meisten davon sind – Männer.
Ginge es bei diesem Microblogging Tool nur um reine Selbstdarstellung, dann wäre das Geschlecht nebensächlich. Oder definiert man sich in seiner Form der Selbstdarstellung doch über das andere Gender?
Vor einiger Zeit entwickelte sich ein öffentlicher Austausch von Tweets zwischen mir und einem meiner männlichen Follower. Alle fieberten mit, wie sich unser rein virtuell und rein verbaler Austausch über die Liebe und das Leben so entwickelt. Es gab unzählige Replies mit Rat- und Vorschlägen zur Weiterentwicklung dieser zarten Twitteromanze. Und nebenbei eine zweistellige Zahl an neuen Followern. Ginge es bei Twitter nur um die reine Selbstdarstellung, unter welcher Motivation liese sich das erklären? Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen überwiegt. Ob in der realen oder in der virtuellen Welt. Dieses Interesse an den Gefühlen der anderen, der Hang zur Selbstdarstellung gepaart mit dem Drang nach Bestäigung des eigenen Lebens, dass ist die Mischung, die Nutzer dazu treibt, 60 Tweets an einem Abend mitzuteilen.